zurück

"Wenn die Klagestimmen der Stadt"  

für Saxophonquartett und Elektronik (4 bzw. 2-Kanal)

Entstehungsjahr: 1997
Dauer: ca. 18´
Medien: Audio Files/DVD/ADAT/DAT/CDR

Neun Texte von Michael Wüstefeld aus seinem Gedichtband "Stadtplan" (1990) bilden die Basis der inhaltlich- poetischen und klanglicher Ebene dieses Werkes. Die Texte, die zwischen 1985-1987 entstanden sind,
beschreiben eine Vielzahl von subjektiven Situationen, Empfindungen und Gedanken aus der Sicht eines "Stadtmenschen". Die globale Konzeption des neun-teiligen Stückes beruht auf einer Verbindung von konzertanter Musik und einem Hörspiel. Jedem Instrument des Saxophonquartetts sind bestimmte Textstellen zugeordnet, die direkt dessen Materialauswahl bzw. musikalische Entwicklung bestimmen.

Die Gedichte wurden mit einer Sprecherin und einem Sprecher im Tonstudio aufgenommen und digitalisiert, um den metrisch-intervallischen Sprachverlauf des Vortrags durch computergestützte Analyseverfahren in "faßbare" Objekte (Motive) und Phrasen für die Mikroform der Partitur umwandeln zu können, gleichzeitig aber, um die einzelnen gesprochenen Zeilen in verschiedenen Variationen, Wiederholungen, Verfremdungen bzw. verkürzten Fragmenten
für die Komposition verfügbar zu machen.

Durch "Time-Stretching"-Manipulationen konnten die zentralen Begriffe einzelner Gedichte auf das zig-fache verlängert (gestaucht) werden und bilden über neugewonnene Spektren auch eine harmonische Grundlage einzelner Abschnitte. Die Entwicklung und Kombination der musikalischen Objekte wird von der Häufigkeitsverteilung bzw. Grammatik kleinster sinnvoller Einheiten des geschriebenen Wortes beeinflußt. Für diesen Zweck habe ich sieben phonetische Kategorien erstellt, mit denen alle Wörter unter Berücksichtigung der Graphem-Phonem-Beziehung untersucht wurden. Analog zum Phonem als kleinster bedeutungsunterscheidender Einheit der gesprochenen Sprache gilt das Graphem (Graphe=Buchstaben) als die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit der geschriebenen Sprache.
Die Tonbandzuspielung beinhaltet außerdem videoclip-artig zusammengestellte Collagen aus Natur- bzw. Stadtgeräuschen (insgesamt sieben Samples entsprechend der o.g. Kategorien) , die in erster Linie eine formale Trennung der einzelnen Texte darstellen, teilweise aber auch eine kommentierende bzw. illustrierende Rolle einnehmen. Das Quartett "bewegt" sich in einem atmosphärischen Labyrinth aus Sprache, Ton sowie Geräuschen und durchquert die verschiedensten Textsituationen..

Ausgewählte Texte:

Vorm Cafe im schönen Winkel des Platzes (1986)
Vorm Cafe im schönen Winkel des Platzes
sind seine Poeten am hohen Mittag so frei
von Wetter und anderen Berichten zu reden
Sie füllen ihre Federhalter mit Regen
mischen etwas Blei aus der Luft dazu
eine giftige Essenz aus den offenen Siegelringen
Sie sitzen verteilt an den Tischen
verfassen Poeme über Mittag und Konditorei
Regen ergießt sich über ihre weißen Blätter
Aus verschiedenartigen Quellen kommt Licht
Regenbogen gehen auf über jedem Tisch
vergängliche Farben kurzlebige Schönheit
Unsichtbar bleibt das Geschriebene ein Geheimnis
Blätter fliegen in breitmäulige Briefkästen allein
ihre Leser haben keine Adressen

Morgen schon besetzen wir (1986)
Morgen schon besetzen wir
der Telefonzellen alte Konstruktion
Versuchen uns mit Wörtern
eine irgendwie freundliche Berührung
In früher Stunde weiteren Schlafs
letzte Gebärde offener Münder
Gähnen über den SprechMuscheln
im Wasser gesprächiger Flüsse
Da haben wir wieder ein MitGefühl
der ganzen Welt gegenüber
Im Dämmern des Lichts den Mut
etwas von Liebe zu behaupten